John Henry Kardinal Newman – ab 1.11.2025 neuer Kirchenlehrer
Für mich wenig überraschend, weil er schon während meiner Dissertation (1984 abgeschlossen) als heiligmäßig gegolten hat. Heilige sind keine „Super-Christen“ sondern Frauen und Männer, die im Alltag, dort wo sie leben und wirken, authentisch und einladend Christ-Sein in Tat und Handlung erfahrbar machen. Ich selber konnte im Oktober 2019 am Petersplatz in Rom seine Heiligsprechung (Kanonisierung) und tags darauf die englischsprachige Messe in der Lateranbasilika mitfeiern. Die seltene Verleihung des Ehrentitels „Kirchenlehrer“ ist insgesamt eine logische Konsequenz. Sie wird jenen Heiligen zuteil, die einen prägenden Einfluss auf die Theologie der Kirche haben. Wie z.B.: Papst Gregor der Große (540 – 604), die Theologen und Philosophen Anselm von Canterbury (1033 – 1109) und Thomas von Aquin (1225 – 1274), die Mystikerin Katharina von Siena (1347 – 1380) oder die Universalgelehrte Hildegard von Bingen (1098 – 1197).
Wer war nun John Henry Newman? Er wurde am 21. Februar 1801 in London geboren und wuchs in einer wohlhabenden christlichen Familie auf. Auf seine Schulzeit in einem Eliteinternat folgte das Theologiestudium am Trinity-College in Oxford. Dort wurde er 1825 zum Priester der Anglikanischen Kirche geweiht. Nach langen inneren Kämpfen konvertierte der inzwischen bekannte Gelehrte 1845 zum Katholizismus. 1847 folgte seine Priesterweihe in Rom. Sein Schritt sorgte in beiden Kirchen für Anfeindungen und Verdächtigungen. In der Katholischen Kirche entwickelte Newman eine prägende Rolle als Theologe und später als Kardinal. In England gründete er die Oratorianergemeinschaft. Er starb am 11.8.1890 in Edgbaston. Anfangs Kritik und Misstrauen ausgesetzt, gilt John Henry Newman inzwischen als eine Brücke zwischen Anglikanern und Katholiken.
Anlässlich der Heiligsprechung Newmans schrieb damals Prinz Charles (heute King Charles III) in einem Beitrag für den L‘ Osservatore Romano folgendes: „In der Epoche, in der er lebte, stand Newman für das Leben des Geistes gegen jene Kräfte, die die Würde des Menschen und die Bestimmung des Menschen herabsetzen wollten. In der Epoche, in der er zur Heiligkeit gelangt, ist sein Vorbild notwendiger denn je und zwar wegen seiner Fähigkeit auf bestmögliche Weise für etwas einzutreten, ohne anzuklagen; zu widersprechen, ohne respektlos zu sein und - vielleicht vor allem - Unterschiede als Orte der Begegnung und nicht der Ausgrenzung zu sehen. …
Sein Einfluss war enorm. Als Theologe zeigte sein Werk über die „Entwicklung der Lehre“, dass unser Gottesverständnis mit der Zeit wachsen kann und übte großen Einfluss auf spätere Denker aus. Einzelne Christen haben die Erfahrung gemacht, dass ihre persönliche Frömmigkeit durch die große Bedeutung, die er der Stimme des Gewissens zumaß, herausgefordert und gestärkt wurde. …
Als Anglikaner führte er jene Kirche zu ihren katholischen Wurzeln zurück und als Katholik war er bereit aus der anglikanischen Tradition zu lernen, indem er die Laien förderte. …
Während wir das Leben dieses großen Briten, dieses großes Kirchenmannes und wie wir jetzt sagen können – dieses großen Heiligen, der die Spaltungen zwischen Traditionen überbrückt, in Erinnerung rufen, ist es sicher richtig, dass wir für die Freundschaft danken, die trotz des Abschiedes nicht nur angedauert hat, sondern gestärkt wurde. Im Bild der göttlichen Harmonie, das Newman so beredt zum Ausdruck gebracht hat, können wir sehen: Wenn wir den verschiedenen Wegen, zu denen unser Gewissen uns ruft, aufrichtig und mutig folgen, können all unsere Spaltungen zu größerem Verständnis führen und all unsere Wege ein gemeinsames Zuhause finden.“
Viele theologische Überlegungen sind etwa 100 Jahre später beim II. Vatikanischen Konzil (1962 – 1965) rezipiert (aufgenommen) worden, z.B. die Rolle der Laien (Taufberufung), Gewissensfreiheit, Glaube und Vernunft, Entwicklung der Glaubenslehre, die Predigt als Verkündigung…
Zusammenfassend lässt sich sagen, als sich die Katholische Kirche in England auf eine Gettomentalität zurückgezogen hatte, stand Newman als ein Leuchtturm für jene, die nach einer offeneren Kirche Ausschau hielten. Er hatte keine Angst vor den Entdeckungen Darwins und den Bibelstudien. Er war der Anwalt der Freiheit für die Forschung in dem stillen Vertrauen, dass es letzten Endes keinen Konflikt geben könne zwischen den Entdeckungen der Geschichte, der Naturwissenschaft und den Offenbarungswahrheiten. Er hatte auch den Mut, die Katholiken an die Lehre des Heiligen Thomas vom Primat des Gewissens zu erinnern, wonach unter Gewissen Umständen ein katholisches Gewissen die Pflicht hat, selbst gegen einen Papst zu stehen. Er stand als Symbol für intellektuelle Ehrlichkeit und geistige Integrität.
Einige wichtige Aussagen:
„Leben heißt sich wandeln und sich oft gewandelt haben, heißt vollkommen sein.“
Nachdem das I. Vatikanische Konzil (1869 – 1870) die päpstliche Unfehlbarkeit festgeschrieben hatte, formulierte er ein paar Jahre später folgenden Bahn brechenden Trinkspruch: „Müsste ich einen Toast auf die Religion ausbringen, würde ich auf den Papst das Glas erheben aber zuvor auf das Gewissen.“
Sein Wappenspruch als Kardinal „ cor ad cor loquitur , das Herz spricht zum andern Herzen und seine Grabinschrift in Birmingham „ex umbris et imaginibus in veritatis“, aus Schatten und Bildern zur Wahrheit.
Der Gedenktag des Heiligen John Henry Newman wird am 9. November begangen.
Als geistlicher Mensch ist von ihm das berühmte Gebet „Lead, kindly light“ überliefert und hat Eingang in das anglikanische Gesangsbuch gefunden.
Lead, kindly light
Führ liebes Licht, im Ring der Dunkelheit
führ du mich an.
Die Nacht ist tief, noch ist die Heimat weit
führ du mich an!
Behüte du den Fuß: der fernen Bilder Zug
begehr ich nicht zu sehn: ein Schritt ist mir genug.
Ich war nicht immer so, hab‘ nicht gewusst
zu bitten: du führ an!
Den Weg zu schauen, zu wählen war mir Lust –
doch nun: führ du mich an!
Den grellen Tag hab ich geliebt und manches Jahr
regierte Stolz mein Herz, trotz Furcht: vergiss was war!
So lang gesegnet hat mich deine Macht, gewiss
führst du mich weiter an,
durch Moor und Sumpf, durch Fels und Sturzbach bis die Nacht